March 19, 2007
STREET ARTIST JR – 28 mm
Spätestens seitdem Premium-Auktionator Christies Werke des britischen Street-Artist Banksy für 120.000 Pfund versteigert, sind Street-Art und Graffiti in der zeitgenössischen Kunstwelt salonfähig. Sammler, Kuratoren, Galeristen und Kunsthistoriker ereifert exponentielles Interesse an einer Kunstgattung, die bisher im besten Fall als kalligraphische Ausdrucksform delinquenter Jungendlicher wahrgenommen wurde. Vergleichbar mit Banksy dokumentiert die Arbeit des Pariser Künstler JR die Substanz, Radikalität und technische Vielseitigkeit kriminalisierter Aktionskunst im öffentlichen Raum.
JR bittet die Bewohner sozialer und politischer Krisengebiete vor seine Kamera. In nur 10 cm Distanz zu seinem 28mm Weitwinkelobjektiv ziehen sie heftigste Grimassen. Die Fotoportraits werden im nächsten Schritt zu kolossalen Papierausdrucken, die der Künstler in zumeist illegalen Aktionen an prominente Wände der Weltstädte kleistert. JRs Portraits suggerieren entdogmatisierte Gesichter. Die Mimiken sind befreit vom Druck einer alltäglich drohenden und fordernden Umwelt. Es sind entblößte Gesichter voller Authentizität. Zugleich reflektieren die perspektivische Zerrung JRs Fischaugen-Ästhetik und die räumliche Nähe seiner Aufnahmen die allgegenwärtige Ohnmacht im Leben dieser Menschen.
Text: Johann Haehling von Lanzenauer/ director Circleculture Gallery
www.face2faceproject.com
www.jr-art.net
www.circleculture.com
Bereits ein Jahr vor den revolutionsartigen Unruhen der Pariser Vororte von 2006 erspürte JR den Frust und die Gewaltbereitschaft der französischen Ghettos. Er holte die dort ansässigen Underdogs vor die Kamera. JR wurde mit diesem Projekt von der Europäischen Akademie für Fotografie in Paris zur Schau geladen. An den Außenwänden der etablierten Institution hielt er eine Street-Vernissage ab und zeigte in Kunstgalerien weltweit. Aktuell arbeitet JR im Mittleren Osten am zweiten Projekt der Performance-Reihe 28 mm. Dieses Mal wählte der junge Franzose Protagonisten identischer Berufsgruppen auf beiden Seiten des israelischen Sicherheitszauns. Die Paar-Motive werden sowohl an die Wände und Mauern von Jericho wie auch Ramallah gekleistert.
Street Art wurzelt in einem unbestechlichem Geiste. Eine Kunstform annektiert ihre Medien. Seien es die Strassen, der etablierte Kunstbetrieb oder die Herzen. Immer so herum und nie umgekehrt.

